Von Hand schreiben: bei mir, bei dir und in der Welt
- Rolf Murbach

- 5. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Jan.

Ich schreibe wieder von Hand. Das fühlt sich gut an, aber nicht nur. Wenn ich von Hand schreibe, dann ist das ein sinnliches und unmittelbares Erleben. Ich habe ein Moleskine-Notizbuch, blanko, die Füllfeder gleitet über das Blatt, hinterlässt blau, eine unleserliche Schrift und Gekritzel, das zum Bild wird. Das Gefühl beim Schreiben ist erfüllend – sofern es läuft.
Von Hand schreiben ist gesund, schärft das Denken, bringt Gefühle zur Sprache. Es fühlt sich anders an als Tippen, vertrauter und ganzheitlich. Das bin ich, der schreibt, die Verbindung zu mir und Resonanz sind stark. Ob sie stärker sind als beim Schreiben auf dem Laptop, weiss ich nicht.
Was anders ist, lässt sich schwer benennen. Ich habe gelesen, fürs Lernen ist das Schreiben von Hand vorteilhaft, wir prägen uns Sachverhalte und Zusammenhänge besser ein.
Von Hand schreiben heisst: die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Das Schreiben, motorisch und neurobiologisch ein Wunder, zwingt mich, langsam zu denken. Wenn Gedanken sich davonmachen, muss ich sie zügeln. Das zwingt zu Genauigkeit und Sorgfalt. Ein Wort nach dem anderen, das Gestalten und Verfertigen der Gedanken ist hier nicht rasend, sondern schreitet gemächlich voran. Ich erkenne und sehe Dinge, die mir im Schreibrausch am Computer entgehen.
Mich zwingt meine verkommene Handschrift zu Disziplin. Wenn sich kalligraphischer Pfusch und Unleserlichkeit einstellen, halte ich ein und schreibe deutlich. Versuche es zumindest. Ich vergesse mich im Schreiben.
Handschriftliche Texte schützen den Autor, auf jeden Fall bei unleserlicher Schrift. Das schafft Sicherheit und Freiheit. Es ist unwahrscheinlich, dass andere meine Texte entziffern. Unterdessen ist mir das egal, denn Texte sind Momentaufnahmen. Aussagen und Gefühle verflüchtigen sich, ändern sich von Tag zu Tag. Texte sind Gewänder, die wir uns überstreifen und dann wieder weglegen. Was ich denke und fühle, ist fliessend: es entwischt mir andauernd. Dies wissen die, die Tagebuch schreiben.
Beim handschriftlichen Formulieren geschieht, worauf KI-Skeptiker bei der Verwendung von generativen Sprachmodellen gerne hinweisen, auf die Wichtigkeit von: denken, entwickeln und erkennen. Ich lagere meine Gedanken nicht aus, ich nehme Autorschaft wahr, investiere Zeit und verändere mich durchs Schreiben.
Seit ich mich mit generativen Sprachmodellen beschäftige und sie häufig nutze, schreibe ich mehr eigene Texte, auch von Hand. Schön, nicht?



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